Fliegen lernen.Ich liege auf der Wiese, die Augen geschlossen, ein Sommerregenduft liegt in der Luft und ich denke an früher. Alles war leicht. Man konnte sagen was man wollte, man wurde nicht ständig dumm angeguckt und generell war alles einfacher.
Ich liege hier also, lasse meine Gedanken schweifen.
Dann kommt mir in den Sinn, wie ich mit meinen Freunden und Freundinnen versucht hatte, Fliegen zu lernen. Wir breiteten die Arme aus, standen nebeneinander auf einem nicht allzu hohem Steinkreis und sprangen bei drei in die Luft, mit der Hoffnung, abzuheben und frei zu sein, wie ein Vogel.
Es klappte nicht. Dennoch gaben wir nicht auf. Wir nahmen Decken aus dem Ruheraum, sammelten sämtliche Utensilien aus der Natur, bei denen wir dachten, sie würden uns tragen. Stöcke, Baumrinde, Blätter, sogar ein paar Federn wie bei echten Vögeln waren dabei.
Immerwieder standen wir, alle ausgestattet von oben bis unten, auf dem Steinkreis und sprangen in die nicht zu kalte, aber auch nicht zu warme Frühlingsluft.
Unsere Ehrzieher standen am Rand, passten auf, ließen und aber den Freiraum, Dinge auszuprobieren.
Dinge ausprobieren.
Fliegen lernen.
Alles hängt zusammen, wenn man es sich vor Augen hält.
Wenn man sich vor Augen hält, wie sehr man etwas versucht, es aber nicht klappt und man trotzdem nicht enttäuscht ist.
Wenn man sich vor Augen hält, dass die kindlich, aber gleichzeitig auch grenzenlose Fantasie eines Kindes unbezahlbar ist.
Wenn man sich vor Augen hält, dass alles, was man versucht, irgendwo einen Sinn hat, ob es nun um Fliegen, oder Lieben lernen geht.
Wenn man sich all diese Dinge vor Augen hält kann man merken, dass man nicht erwachsen ist.
Man ist körperlich erwachsen, man ist geistig erwachsen.
Man ist aber zugleich auch wie ein kleines Kind.
Ich liege hier und denke an die Zeit. Plötzlich sehe ich mich aufstehen, auf einen Baumstumpf klettern und hinunter springen. Enttäuscht stelle ich fest, dass sich nichts geändert hat.
Aber irgendwie muss man doch fliegen können, abgesehen vom Flugzeug.
Ich lege mich ins Gras, denke erneut nacht. Und da kam mir die Idee, das das "Fliegen", was meine Freunde und ich ausprobierten, eine Vorstufe davon sei, auszuprobieren, wie es ist, sich auf neue, vielleicht unangenehme, vielleicht wunderschöne Situationen einzulassen.
Vielleicht ist is die Vorbereitung auf das Lieben, das Geliebtwerden und das Verlassenwerden.
Vielleicht ist es eine Vorbereitung auf unser weiteres Leben, in dem wir mit Dingen konfrontiert werden, die sich nicht mit einer mathematischen Gleichung lösen lassen, sondern wo Kreativität und Zusammenhalt gefragt ist.
Vielleicht ist unsere gesamte Kindheit eine Vorstufe der Liebe und die, der Arbschiede. Die Vorstufe der Zukunft, und die Vorstufe des Todes.
Sie ist nicht VIELLEICHT die Vorstufe, sie ist es, ganz sicher.
In unserer Kindheit entwickeln wir ja gerade das, was wir brauchen, um all diese Dinge, gut oder schlecht, durchstehen zu können.
Aufeinmal wird mir einiges klar. Ich stelle mich hin, blicke nocheinmal über die Flur, bevor ich mich auf den Weg mache. Auf den Weg Richtung Zukunft.
Ich blicke nach oben. Der warme Regen tropft mir auf das Gesicht, läuft mir den Hals runter. Und über fliegt
noch schnell ein Vogelschwarm in den Wald.Eine Reise, denke ich mir. Unser Leben ist eine unendliche Reise. Durch Entwicklung und Gefühle (eventuell mit Chaos verbunden). Durch Liebe und Hass. Durch Freundschaften und Feindschaften. Durch das Hier und Jetzt.
Eine Reise durch die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.
Eine Reise ins Ungewisse.
In die große, einschüchternde und doch so kleine Welt.
Meine Welt. Ich reise durch meine Welt.
Und jetzt mache ich mich tatsächlich auf den Weg. Ich setze einen Fuß vor den anderen, immer schneller, immer schneller, bis ich laufe.
Wohin ich laufe... Das weiß ich nicht, das weiß niemand.
Aber ich laufe in einer Welt, in der ich Liebe und Geborgenheit spüren durfte, spüren darf und spüren werde. Ich laufe, ohne Ziel, um nachzudenken, was mein Ziel sein könnte.
Ich bleibe stehen, winke der Wiese zu, wo ich meine Kindheit lasse.
Wenn ich zurück will, kann ich gehen, mich erinnern.
Ich bleibe stehen, gucke erneut nach oben, blinzel der Sonne entgegen und lasse meine Gegenwart hier, nehme sie aber gleichzeitig auch wieder mit.
Und dann laufe ich in die Zukunft. Mit offenen Armen, alles um ich herum ignoriere ich, weil ich das bin, was zählt. Mich interessieren die Blicke der anderen nicht. Mich interessieren die Sprüche der anderen nicht. Mich interessiert meine Welt und mein Leben. Und deshalb mache ich mich, wieder etwas schneller, auf den Weg.
Und irgendwann treffe ich auf einen Menschen, der mir wichtiger ist als ich, zu mindest denke ich es. Dieser Mensch zeigt mir, wie wunderschön das Leben sein kann, wenn man gerade mal schlecht drauf ist. Dieser Mensch zeigt mir, wo es lang geht, wenn ich die Orientierung verloren habe. Dieser Mensch ist der Mensch, den ich liebe. Ich weiß nicht, für wie lange. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn in meiner Welt lasse, vielleicht für immer, vielleicht auch nur für ein paar Jahre. Und vielleicht wird dieser Mensch mir seine Welt zeigen, wie ich ihm meine gezeigt habe. Und irgendwann komme ich an der Wiese vorbei, lege mich ins Gras und denke an früher, als alles leicht war, ich mit meinen Freunden tobte und viele wunderschöne Sachen ausprobierte, um meine Welt zu entdecken. Und dann gehe ich weiter, mit dem Menschen an meiner Seite, der meine Welt sehen will und soll. Ich komme an den Punkt, wo ich nach oben schaue, den Vogelschwarm sehe, und mir denke, dass meine Zukunft noch nicht vorbei ist, aber der Zeitpunkt, als ich hier stand schon lange her ist.
Also suche ich mir einen neuen Weg, lasse zwischendrin immer wieder einen Teil meines Lebens zurück. Nur der Mensch, der meine Welt sehen will und soll, ist die ganze Zeit bei mir und zeigt mir, wie wunderschön das Leben ist, wenn ich gerade mal schlecht drauf bin. Der Mensch, der mir zeigt, wo es lang geht, wenn ich die Orientierung verloren habe.Denn dieser Mensch ist der Mensch, den ich liebe.
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