12.8.11
Engel.
"Sag mal, kennst du das Gefühl von Stärke?"
"Ja, du nicht?"
"Ich stelle sie mir unglaublich schön vor."
"Stärke?"
"Ich bin es nicht."
"Jeder ist es."
"Du kennst mich nicht."
Und da gehe ich. Alleine, verlassen und einsam. Ohne Hilfe, schwach, eben ohne Stärke.
Was ist es, was Stärke ausmacht?
Sie kommt und geht, oder wie?
Ist sie immer da, ein Dauergast?
Oder ist es eher wie ein steter Begleiter, der ab und zu Auftaucht, so wie Angst, Glück und Liebe?
Ich habe Angst, Angst davor, zu zeigen, dass ich nicht starkt bin. Stark, ich bin-. Ich bin es nicht.
Ich bin nicht stark, ich bin schwach, unglaublich schwach.
Ich setze mich, ganz vorsichtig, damit ich nicht zerbreche, ins Gras. Starre in die Welt, die glatte, leere Flur, so wunderschön und... stark.
Es ist schrecklich, die Welt, stark und schön, hässlich und grau, bunt und grün.
Und ich, als winziger Bestandteil schwach. Nie war ich stark, ich hörte zu, ich war da. Aber ich kann nicht mehr.
Ich kann nicht mehr diese Stärke zeigen, die ich nie besaß.
Immernoch habe ich den leeren Blick in die Ferne.
Es legt sich ein Arm um mich. Ich spüre Geborgenheit, schöner, als sie je zuvor gefühlt wurde. Ich spüre Wärme. Und... Stärke.
Dann will ich wissen, wem der Arm gehört, gucke neben mich, das Gras ist unverändert, der Platz neben mir leer.
Und alles was ich will ist dieser Arm, der mir Stärke gibt. Und gerade war er da, jetzt ist er weg.
"Ist Stärke schön?"
"Was für eine Frage, keine Ahnung, kennst du es nicht?"
"Nein."
"Wieso?"
"Ich spüre sie nicht. Ich kann nicht."
"Mitleidstour?"
"Verzweiflung."
Mir laufen die Tränen über mein Gesicht, ein Reh huscht über einen kleinen Teil einer entfernten Wiese.
Sind Rehe stark?, frage ich mich.
Sie sind zerbrechlich. Aber ich hingegen bin ein Monster.
Trotzdem überleben sie, das geht doch irgendwie nicht. Eigentlich müsste ich überleben. Aber ich schaffe es nicht, weil mir dieser verdammte Arm einfach fehlt.
Was soll's, steh auf und geh!, sagt mir mein Kopf.
Bleib stizen, er kommt!, sagt mir mein Herz.
UND wie lange soll ich bitte auf einen doofen Arm warten, um mich fest zu halten?
Warum kann ich nicht einfach untergehen? Es wäre das Einfachste, es würde wohl niemand mitbekommen.
Und wenn es jemand mitbekommen würde, wäre es nicht schlimm, sie würde mich nicht verstehen. Weil das niemand tut.
"Ist Stärke ein tolles Gefühl?"
"Verarschst du mich jetzt?"
Es ist nicht gerade toll keine Annerkennung oder eine einfach Antwort zu bekommen.
Es erscheint für mich als normal, das zu fragen. Aber klar, jeder hat einen Arm, zu festhalten, zum Starksein. Sicher, ist mir klar, aber ich bin doch nicht der einzige Mensch, dem dieser Arm fehlt, oder etwa doch? Dann wäre die Bevölkerungszahl der Erde ungerade.
Aber das hilft mir nicht weiter, meinen Arm zu finden. Ich stehe auf, gucke mir das Gras an, auf dem ich bis gerade eben saß, und sehe, dass kein Abdruck da ist. Er war immer da, und warum ist er jetzt nicht mehr zu sehen? Schon wieder etwas, das nicht geht.
Dann drehe ich mich um, es ist alles weiß, oder schwarz, ich weiß es nicht, es sind meilenweite Unterschiede zwischen den Farben dieser Front, und trotzdem sehe ich sie als eine.
Dann "wache" ich auf, spüre zwei Arme, die mich umschließen, will in das Gesicht gucken, zu denen sie gehören. Und dann liege ich plötzlich wieder auf der Wiese.
War ich etwa wieder für einen kleinen Moment stark?
Wieder kommen mir die Tränen, bei dem Gedanken an die beiden "starken Momente".
Und warum verdammt kann es nicht immer so sein?
"Du willst wirklich für immer stark sein?"
"Nichts lieber als das!"
"Dann nimm deine Flügel und rette Leben, Engel sind dazu da."
Und nur ein-zwei Sekunden später bin ich stark. Stärker, als ich es je war. Und das nur, weil ich weiß, dass ich anderen Menschen meine Stärke geben kann, um sie am Leben zu halten.
Und sie geben mir genauso Stärke, weil sie auch Engel sind. Weil wir alle Engel sein können.
Weil wir alle Engel sind.
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